Freies Kapitel: Das Facebook- Delta …

...warum Zitronen keine Brillen tragen.

Cat`n Dog Social Media

Heiland – es geht mal wieder hoch her! Da hat eine einzige arme Seele in der Gruppe den verheerenden Fehler gemacht, eine simple Frage zu stellen:“ Wann hat hier das Freibad geöffnet?" 167 Antwort-Posts und drei Minuten später rangiert die Aussage wie „Wer Lesen kann, ist klar im Vorteil“ noch auf Platz eins der Netiquette.

Vielleicht mal etwas Ketzerisches: Da postet in eben jener Community eine junge Frau mit einem offensichtlich verhaltensgestörten oder panischen *  Hund (Wahr-Nehmung* , die meine, das erkläre ich noch…) einen schmachvollen verbalen Angriff auf einen anderen Hundehalter justement wohl kurz NACH dem Ereignis, ob nun noch im Schockstatus, oder vom heimischen Rechner, lässt sich nicht ermitteln.  Sie tut ihren Unmut über die Tatsache kund, dass ihr Vierbeiner wohl nun durch die leinenlose Begegnung mit dem anderen Fellkind ein aufbrechendes Trauma hätte.

Der kundige  Facebook-Veteran  und Gruppencrack kann sich die das nun folgende Drama in Farbe vorstellen:

Schnell bilden sich zwei Lager – die Supporter der jungen Hundehalterin, die sie mit seelischem Beistand salben, den jungen Mann nebst seinem schwarzen Teufel in den Abgrund der Hölle wünschen, und/ oder mit diversen markig formulierten Ratschlägen die ultimative Lösung des Problems bereithalten.

Die andere Feldeinheit applaudiert dem Gegenstück mehr oder weniger laut, ziehen aber die kommunikativen Schwerter gegen die Schreiberin des Posts.

Dann gibt es noch die dritte Fraktion: Beschwichtigen mit sanft angefärbten Verständnis Parolen, die aber ad hoc giftgrün leuchten werden, sobald sich die Kommentare nun gegen SIE wenden.

Gruppe vier steht am Spielfeldrand – liest entweder vergnügt oder kopfschüttelnd mit. Manche der „Ständer“ werfen vermeintliche Stoppschilder in die Runde, dass sich das doch hier alles gar nicht lohnen würde, und das eigentlich alle bisherigen Kommentatoren totale Idioten sind. Foul! Jetzt drehen die Speere in diese Richtung.

Und ich frage mich: ist das wirklich Kinderkram? Nein – weder für die beiden Lager, noch für die Kommentatoren.

Und wer unter den vermeintlichen Kinderkram „Kinderkram“ kommentiert, der sollte sich über seine ganz persönliche Bedeutung des Wortes Gedanken machen. Eingehend.

All das hat einen ganz soliden Hintergrund – dieses Gerangel, das Beißen mit Worten, das Echauffieren über simple Verhalten, das schleichende Taubstummen-Phänomen , je weiter die Schlacht eskaliert.

Wahrnehmung. Zauberwort. WAHR… nehmung. Wir sind Reaktoren… manche sind auch hochgradig toxisch, zumindest nehmen wir das an. Das nächste Wort: die AN-Nahme.

Wir nehmen nur das an, was in unser zuvor wahr-genommenes Bild passt.

Beispiel: Mein Onkel liebt Helene Fischer – er findet sie toll. Er reist ihr zu fast jedem Konzert in Deutschland hinterher. Ich kann sie nicht leiden, ich finde ihren Musikstil grottuid, weil ich Schlager hasse. Man würde mich dabei erwischen können, ihre CD`s als Wurfgeschosse zu nutzen. Außerdem geht mir diese blonde Zonendrossel mit ihrer Omnipräsenz in allen er- und unerträglichen Boulevardblättern gehörig  auf den Geist.

Und was kann Helene Fischer dafür? Nichts. Bin ich bereit, meine Wahrnehmung ihr gegenüber zu ändern? Nein – ich kann sie nach wie vor nicht ausstehen. Obwohl mich alles an und um sie herum umstimmen müsste. Sie ist eine tolle Performerin, hat eine gut ausgebildete Stimme, ackert sich den Allerwertesten wund… Trotzdem.

Und warum tue ich das? Weil ich gefangen bin, in meiner Wahrnehmungsstörung zum einen, und einem zweiten, fiesen Umstand: wrong-choice–explanation- bias- oder: die kognitive Dissonanz.

Beispiel- für die Frau: Du hast dir ein schickes Paar Schuhe gekauft, im Laden anprobiert – die saßen perfekt. Du kommst nach Hause, und stellst fest: Alles was du dazu tragen könntest, hast du NICHT. Und außerdem klemmen die doch am rechten Fuß mehr als im Laden realisiert. Sprich: Fehlkauf auf der ganzen Linie. Eigentlich willst du sie zurückbringen, möchtest sie aber zumindest noch einmal kurz „anlaufen“. Draußen auf der Straße triffst du:

Fall A: … deine gute Freundin, die du sehr schätzt – und sie meint zu dir: „Ach du Sch…, was für grottenhässliche Treter!“ Ihr lacht, und du sagst ihr, dass du sie zurückbringen wirst, denn chinesische Tradition von 10cm Füßen wäre jetzt bei dir und Größe 41 nicht mehr machbar.

Fall B: … deine Nachbarin, die alle Nase lang die neuesten Klamotten trägt, die völlig überflüssig eine Putzfrau beschäftigt und die irgendwann bei einer Grillfete mit mitleidigem Blick auf dich meinte, dass sie immer sehr auf ihre Ernährung achten würde, während du genussvoll dein Bauchfleisch in Ketchup badest.

Gleiche Ansage – nur dezenter: „Ach -das sind ja interessante Schuhe… aus dem Schlussverkauf?“ Jetzt wendet sich das Blatt – dein Rücken wird grader und du gehst in der Verteidigungsmodus. Dir rattern die verschiedensten Antworten mit „dämliche Zicke“ in Klammern durch den Kopf, und plötzlich hast du die Schuhe nicht bei Deichmann, sondern in der Stadt ergattert- eine ganz limitierte Edition. Und du freust dich wahnsinnig darüber, dass du sie eben sofort anziehen musstest. Du steigerst dich eventuell soweit in deine Argumente, dass du die Schuhe in den Schrank stellst, und beschließt, ihnen doch noch mal eine Change zu geben – ein anderes Mal. Kleine Lügen, die die Gefühle balsamieren.

Was hat das mit unserer Facebook – Schlacht zu tun? Nun, die Kontrahenten begründen ihre Standpunkte – immer und immer wieder – mit wachsendem Geplapper und noch abstruseren „Wahr“-heiten. Anstatt teilweise oder eventuell ganz zuzugeben: Ok, da habe ich etwas falsch wahrgenommen – bitte revidieren.

Widmen wir uns kurz der Wahrheit, die natürlich erstmal die WAHR-Nehmung vorausschickt.

Erinnert euch an das Helene Fischer Beispiel – mein Onkel – Ich.

Oder anders: Stellt euch vor, zwei Menschen sitzen an einem Tisch- der eine trägt eine Brille mit rot gefärbten Gläsern, der andere eine mit blau gefärbten Gläsern – und vor ihnen liegt eine Zitrone.

Nun fragt man beide: Welche Farbe hat die Zitrone. Intuitiv antwortet der eine: „Orange“ und der andere „Grün“. Beide haben recht – durch ihr Prisma sind die Farben. Frage -welche Farbe hat die Zitrone? Denken die beiden kurz nach, sagen sie : „Ja, klar – gelb“. Aber nur, weil irgendwann mal eine ganze Meute in ihrer Wahrnehmung beschlossen hat, die Dinger sind sauer und gelb... Aber das ist ein anderes Thema! Back to what I wanted to say:

Wir sehen unsere Welt durch unsere eigenen Brillen – wir gucken die Dinge an, die uns so „passieren“ – das Wort kommt von Passage – französisch für „Durchgang“ – wir sagen auch gerne „passé“ also: vorbei.

Zwischen uns und der Wahrheit steht also unser Prisma – was uns das Erlebte einfärbt. Dieses Prisma setzt sich aus Erfahrung zusammen – dem Wunsch, positive Erfahrung zu wiederholen , und negative schon im Ansatz zu erkennen, um sie zu vermeiden. Außerdem sieht ein Mann die Welt anders als eine Frau, ein Kind anders als ein alter Mensch, ein Moslem anders als ein Christ… deswegen rede ich vom Prisma – und nicht der einfarbigen Brille.

Und so passiert es, dass wir Vorboten sehen, die es eventuell gar nicht gibt: „ Das hab` ich doch gleich gewusst!“ So passiert es, dass wir unsere eigenen Wahrheiten bis aufs Blut verteidigen, obwohl wir vielleicht wissen, dass es falsch ist :“ Versetz dich doch mal in meine Lage! Dann siehst du die Wahrheit!“

Zu beiden Verteidigungssätzen: NEIN. Weder konntest du es wissen, denn keine, de facto keine Situation wiederholt sich exakt – außer – du bist in der Matrix und kannst spulen!
Noch kann sich irgendein anderer Mensch in deine Lage versetzen. Dazu fehlt ihm schlicht dein Prisma!

Der letzte , aber nicht minder blockig bockige Baustein dieser Kriegsgeneratoren ist das Ego.

Ego – von dem wir glauben – wer oder was wir sind: Deutscher, Architekt, Borussia Fan, Mercedes Fahrer, Hundetrainer… Darüber definieren wir uns- und tragen das wie ein Schutzschild zur Verteidigung: „Aber ich weiß das doch – ich bin doch erfahrener Coach!“ Tja – du könntest es wissen, wie es ist, wenn es genauso wäre wie es damals war! Ist es aber nicht.

Ergo: weißt du es nicht. Aber du packst Ähnlichkeit als Gleichheit, Wissen als Vermutung, WAHR-nehmung als WAHR-heit.

Wenn ich mit einem Schüler arbeite, der zu mir sagt: Ich hasse englisch Grammatik – ist das ein Satz,  den ich schon gefühlte tausend Mal gehört habe. Und ich könnte sagen: „Ja, aber das ist alles gar nicht so schlimm!“ Das wird er mir nicht glauben. Weil der arme Mensch vielleicht Prüfungsangst, einen scheiß Lehrer, ein patriarchisches Elternhaus, eine englische, fordernde Tante oder einen miesen Boss- der selber kein Englisch kann, es aber fließend von seinen Mitarbeitern verlangt, hat und schlicht panisch konditioniert ist. Also  frage ich immer: „Warum? Was ist passiert?“

Zurück zu unserem Hunde Kampf.

Wir haben: Eine Situation || zwei Wahrnehmungen:

 Ein Hund (frei) rennt auf einen anderen Hund (angeleint) zu
Hundehalter (frei) Hundehalterin (angeleint.. also der Hund, nicht die Halterin. Fürs Protokoll!)
WAHR-nehmung WAHR-nehmung
Mein Hund ist neugierig – wenn ihm der andere signalisiert, dass er keinen Bock hat, trollt er sich eh… Oh Gott, da kommt ein Hund auf meinen zu gerannt, aber der hat doch schlechte Erfahrung und außerdem chronische Schmerzen. Das geht nicht gut! Das geht nicht gut.
Reaktion Reaktion
Ouh,  die Frau wird panisch – schnell hin und ihn (meinen Hund) halten- der ist noch nicht abrufbar… beruhigen. Rufen, schreien, Angst. Treten
WAHR-nehmung WAHR-nehmung
Eine hysterische Kuh – kein Wunder dass der Hund ein Trauma hat – wohl eher von ihr…. So ein Idiot, warum leint der seinen Hund nicht an, wenn der auf Abruf nicht hört!!

Und wo ist die WAHR-heit? Auf beiden Seiten oder nirgends.

Wir sind alle Opfer unserer Selbst. Unserer Affektheuristik ( das momentane Gefühlsleben- mögen oder nicht mögen) , unserem LIKING Bias ( wir wollen alle geliebt werden – potenziert  in den Social Media) , dem SELF-Serving Bias ( warum wir niemals schuld sind) und noch vielem anderen hier genannten und ungenannten mehr.

Es hat jeder – das bestimmt unser Leben. Jedes einzelne, individuelle Leben – in das ich nicht, auch nicht kurz, schlüpfen kann.

Und aus diesem Grund haben wir Werkzeuge mitbekommen, die uns erleichtern, die WAHR-heit zu finden, auf die man sich einigen kann: Reden. Und unsere Lippen, Zunge, Zähne und Stimmbänder sind nicht darauf trainiert, nur zu beißen.

Denn was ist daran schwer zu sagen: Klar, hätte ich eine blaue Brille auf, wäre meine Zitrone auch grün!

Vieles. Ich weiß. Trösten wir uns einfach damit, dass das Gegenüber genauso leidet wir ich… weil er grüne Zitronen eventuell gar nicht mag?

In diesem Sinne - happy conditioning!

Und wer Interesse daran hat, wie die beiden Fellkinder vom Anfang des Kapitels entstanden sind... gern :

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Da dies hier ein wachsendes Buch ist, bist du von Anfang an mit dabei.  Da ich ein "versprengtes Hirn" bin, mag ich so manches Mal die Kapitel erweitern, füllen, ergänzen. Ergo: Nichts bleibt wie es ist.

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Ute

Wie - noch kein Abo? Macht nix- hier eben nachholen. Sonst wird es nix mit dem Weiterlesen von (noch folgenden) Kapiteln wie

  • Ist DNA schon auf der Gästeliste
  • spontaner Schuhkauf und männliche Blondinen
  • Schlaf ist für Feiglinge!

und noch viel mehr.

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